Waschbären im Fadenkreuz
von Redaktion LTschV-BW

Waschbären im Fadenkreuz

In Rottweil wurden jüngst 20 Waschbären im Siedlungsbereich gefangen und getötet. In ganz Baden-Württemberg werden die Kleinbären inzwischen oft gnadenlos verfolgt. Tierfreunde und Tierschützer sind entsetzt und fordern einen tierschutzgerechten Umgang mit den „Neubürgern“.

„Die bei uns lebenden Waschbären wurden ursprünglich von Menschen gezielt ausgesetzt oder sind aus Pelzfarmen entkommen. Seitdem haben sie sich sukzessive etabliert und sind mittlerweile fast flächendeckend in Deutschland verbreitet. Eine Bejagung ist nicht nur tierschutzwidrig, sondern auch sinnlos, da einfach andere nachrücken“, erklärt Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes. In Anbetracht des bei uns schon vorhandenen Waschbärenbestands, ist deren Einbürgerung bei uns längst nicht mehr rückgängig zu machen, so Hitzler weiter.

Entgegen des, vor allem in Jagdkreisen, gerne beschworenen Feindbilds eines gnadenlosen Artenkillers, ernähren sich die nachtaktiven Allesfresser zu großen Teilen von Insekten, Würmern, Schnecken, Mäusen oder auch von Obst, Nüssen und Samen. Gelegentlich werden auch andere Kleinsäuger oder Vögel bzw. deren Eier nicht verschmäht. Eine nachweisbare Gefahr für einheimische Arten stellen die schwarz-weißen Neubürger nur in seltenen Ausnahmefällen dar. Da Waschbären sehr anpassungsfähig sind, leben viele inzwischen auch in unseren Städten und profitieren hier vom reichlichen Nahrungsangebot unserer Gärten, Abfalltonnen, Kompostlager oder dem Katzenfutter auf der Terrasse. Ein Miteinander von Mensch und Waschbär funktioniert vielerorts – trotz zum Teil hoher Populationen - dank Aufklärung und diverser Präventionsmaßnahmen gut.

Aus Tierschutzsicht besteht daher Unverständnis, warum nicht auch im ländlich geprägten Baden-Württemberg und besonders im Rottweiler Ortsteil Bühlingen eine friedliche Koexistenz möglich sein soll. Längst sind Füchse, Marder, Dachse, Wildvögel und sogar gelegentlich Wildschweine oder Rehe in unseren Städten heimliche Mitbürger. Anstatt eventuell auftretende Konflikte mit den tierischen Nachbarn über Beratungsgespräche und präventive Maßnahmen zu lösen, werden in Baden-Württemberg Probleme häufig über das Jagdrecht und damit mit dem vorsätzlichen Tod der Wildtiere geregelt. Insbesondere mit den neu etablierten Stadtjägern wurden gezielt neue Türen zur Tötung von Wildtieren in Wohngebieten geöffnet. „Für den einen oder anderen ist das bereits ein sehr lukratives Geschäft“, kritisiert Stefan Hitzler. „Statt nach tierfreundlichen und nachhaltigen Lösungswegen zu suchen, bleibt der Tierschutz in Baden-Württemberg wortwörtlich „auf der Strecke“, so Hitzlers bittere Bilanz.

Der Landestierschutzverband fordert sowohl von der grün-schwarzen Landesregierung, als auch den Behörden und politisch Verantwortlichen vor Ort, vorrangig auf tierfreundliche Alternativen zu setzen und die unverhältnismäßige Verfolgung und Tötung aufzugeben.

Hintergrund

Nach Auffassung der EU-Kommission ist der zunehmende Biodiversitätsverlustes u.a. auf die Ausbreitung invasiver Arten zurückzuführen. Die EU überlässt jedoch die Wahl der geeigneten Management-Methoden den einzelnen Mitgliedstaaten. Gerade aber bei bereits weit verbreiteten Arten kann die Uhr nicht mehr zurückgedreht werden. Das Management- und Maßnahmenblatt der Bundesländer für den Waschbär in Hinblick auf die Vorgaben der EU-Verordnung Nr. 1143/2014 beinhaltet dementsprechend vorrangig nicht tödliche Maßnahmen. Bei jagdlichen "Entnahmen" wird ausdrücklich auf eine wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation der "Wirksamkeit" hingewiesen. Obwohl der Waschbär auch in BaWü seit 2016 dem Jagdrecht unterliegt und bejagt wird, breiten sich die Tiere immer weiter aus. Zahlen aus anderen Bundesländern bestätigen ebenfalls, dass eine Bejagung die Populationsdichte nicht reduzieren kann.

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