Coronaopfer Heimtiere
von Redaktion LTschV-BW

Coronaopfer Heimtiere

Die Coronakrise hat viele Auswirkungen. Dies zeigt sich nun ebenfalls in den Tierheimen. Im vergangenen Jahr wurden so viele Heimtiere gekauft, wie nie zuvor. Viele Menschen waren plötzlich zum Zuhausebleiben gezwungen. Homeoffice und Homeschooling waren an der Tagesordnung. Um diese düstere Zeit zu überbrücken, suchten viele Trost in tierischer Gesellschaft. Leider oftmals ohne richtig nachzudenken. Zahllose Tiere sind nun die Leidtragenden. Der Landestierschutzverband fordert erneut eine umfassende Heimtierverordnung, um unüberlegte Tierkäufe und -zuchten zu verhindern.

Eine Veröffentlichung des Zoofachhandels macht es deutlich: 2020 wurde bundesweit so viel in Heimtiere und Heimtierzubehör investiert, wie noch nie. Laut Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) und Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands (ZFF) stieg die Zahl der Hunde, Katzen und Kleintieren in deutschen Haushalten innerhalb von 12 Monaten um fast eine Million Tiere auf knapp 35 Millionen. Die Coronakrise und die damit verbundenen Einschränkungen hat dazu geführt, dass viele MitbürgerInnen sich tierische Gesellschaft zulegten.
Was den Handel freut wird jetzt allerdings vielen Tieren und damit Tierheimen zum Verhängnis. Sobald der normale Alltag ansatzweise zurückkehrt, bleibt kaum mehr Zeit für Tiere. Schnell werden diese lästig, entsprechend vernachlässigt und müssen wieder weg. In den Tierheimen ist diese „Wegwerfmentalität“ unserer Konsumgesellschaft bereits angekommen. Sie sollen die ungewollten Tiere schnellstmöglich aufnehmen und viele kommen bereits an ihre Kapazitätsgrenzen. Besonders erschreckend ist für den Vorsitzenden des Landestierschutzverbandes, Stefan Hitzler, die Kaltschnäuzigkeit mancher Tierhalter: „Sieht sich ein Tierheim nicht in der Lage beispielsweise einen Hund sofort aufzunehmen, kommt ganz schnell die Drohung ihn dann eben auszusetzen. Es ist den Leuten vollkommen egal, was mit dem Tier weiter passiert.“

Doch nicht nur Hunden und Katzen droht dieses Schicksal jetzt vermehrt, auch zahllosen Kleintieren wurde der Coronaheimtierboom bereits zum Verhängnis. Schnell gekauft und genauso schnell wieder vergessen, haben sie Glück, wenn sie es noch rechtzeitig in die fachliche Betreuung eines Tierheims schaffen. Fast verhungerte Kaninchen, Meerschweinchen mit überlangen Krallen und Hauterkrankungen oder verfilztem Fell sind keine Seltenheit. Besonders schlimm trifft es Tiere, die schon zuchtbedingt gehandicapt sind. Kurzköpfige Zwergkaninchen beispielsweise neigen zu Zahnfehlstellungen, die regelmäßig tierärztlich korrigiert werden müssen. Wird das versäumt, wachsen die Zähne stets weiter und sie verhungern qualvoll oder sterben an Zahnabszessen.

Sobald wieder eine gewisse Normalität in den Alltag kommt, sieht Stefan Hitzler deshalb massive Probleme auf die Tierheime zukommen. Denn dann bleibt für die tierischen Coronaüberbrückungshelfer kaum mehr Zeit. Wenn sie Glück haben, kann ein Tierheim sie aufnehmen und sie finden über die professionelle Tierheimvermittlung bald ein geeignetes neues Zuhause. Viele Heimtiere werden wie ein gebrauchtes Kleidungsstück über Kleinanzeigen im Internet oder durch direkte Weitergabe zum Wanderpokal.

„Um Tieren ein solches Schicksal zu ersparen, ist es immens wichtig, potentielle Tierhalter dazu zu verpflichten sich vor dem Kauf von Tieren ausreichend über deren Bedürfnisse und Ansprüche zu informieren,“ fordert Stefan Hitzler und setzt hinzu: „Zwar haben wir den Tierschutz seit fast 20 Jahren fest im Grundgesetz verankert. Die Coronakrise hat uns aber erneut gezeigt, wie wichtig es ist den besonderen Stellenwert von Tieren nicht nur auf dem Papier festzuhalten. Ein besserer Schutz der Tiere kann nur durch die entsprechende Umsetzung über das Tierschutzrecht erfolgen. Hier ist die von uns schon lange geforderte Heimtierverordnung der richtige Ansatz“.

Hintergrund:
Derzeit kann jeder fast ohne Einschränkungen Tiere erwerben, züchten und halten. Es wird für die Haltung von Tieren in privaten Haushalten keinerlei Nachweis über die entsprechende Sachkunde oder Qualifikation vorausgesetzt. Tierhalter bemerken oft erst nach dem Kauf, dass sie mit der Tierhaltung überfordert sind. Mangelnde Kenntnisse über die speziellen Bedürfnisse der einzelnen Tierarten führen nicht selten zu erheblichem Tierleid. Viele „Haustiere“ werden dann abgeschoben oder sogar ausgesetzt bzw. sterben einen unbeachteten Tod. Eine weitere Folge: Die baden-württembergischen Tierheime sind häufig überfüllt mit Tieren, die aufgrund ihrer Vorgeschichte nur noch schwer vermittelbar sind, wie z.B. verhaltensauffällige Hunde. Der Umgang mit Heimtieren und auch Exoten wird in Deutschland bislang nur „begleitend“ durch die sehr allgemein gefassten Rahmenbedingungen des Tierschutzgesetzes und der „Tierschutz-Hundeverordnung“ geregelt. Es fehlen präventiv wirksame Regelungen, wie verbindliche, tierartspezifische Vorgaben zur Haltung, zur Zucht und zum Handel mit Heimtieren, der Sachkunde des Tierhalters sowie zur Ausbildung von Tieren bzw. einer Registrierungs- und Kennzeichnungspflicht. Solche verbindlichen Vorgaben könnten bspw. über eine eigene Heimtierverordnung festgelegt werden. Der Deutsche Tierschutzbund und auch die Landestierschutzbeauftragte von BW haben entsprechende Entwürfe bereits vorgelegt.

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