1000 Milchkühe in einem Stall - ist das tiergerecht?

03.04.2018 - Der Konsum von Milch und Milchprodukten wird allgemein zunehmend hinterfragt - der Umgang mit Milchkühen stößt dabei auf breite gesellschaftliche Kritik.
Der Landestierschutzverband lehnt die Tendenz zu Massentierställen deutlich ab und fordert ein schnelles Ende der noch in vielen Ställen üblichen dauerhaften Anbindung von Milchkühen, als nicht akzeptable Haltungsform von Tieren.Kuhportrait

Laut dem Statistischen Landesamt wurden 2016 über 340 000 Milchkühe in Baden-Württemberg gehalten. Die Tieranzahl blieb dabei über die letzten Jahre fast konstant, während die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe mit Milchvieh - 2017 waren es knapp über 7500 - stetig abnimmt.


Bild: Anbindehaltung von JungviehAnbindehaltung Milchkühe Ju

Dank der im Land vorherrschenden, meist eher kleinbäuerlichen Strukturen, gibt es vergleichsweise viele ältere Höfe, die ihre Tiere nach wie vor, wie früher üblich, auf engstem Raum dauerhaft angebunden im Stall halten. Laut den drei großen Landwirtschaftlichen Verbänden in Baden-Württemberg stehen derzeit noch zwischen 20 und 25 Prozent der Milchkühe im Land in Anbindeställen, d.h. mindestens jede 5. Kuh.

Für Stefan Hitzler, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes, ist diese Haltungsform mit dem Tierschutzgesetz nicht vereinbar, da die Kühe in ihrem normalen Verhalten elementar eingeschränkt werden, oft auch noch während der besonders sensiblen Phase der Geburt: „Anbindehaltung bedeutet für die Kühe lebenslänglich an einer Stelle im Stall stehen oder liegen zu müssen. Selbst viele so genannte Weidekühe dürfen nur in der Sommerzeit tagsüber auf die Wiese. Ihre Bestimmung ist es, jährlich zu kalben, um viel Milch zu geben. Im Schnitt nach noch nicht einmal 5 Jahren, sobald eben die Milchleistung nicht mehr den Erwartungen entspricht, kommt die Kuh zum Schlachter. Die Politik muss hier endlich ein Ausstiegsprogramm auf den Weg bringen, so wie es der Bundesrat bereits 2016 schon eingefordert hat.“

Die Kritik richtet sich auch gegen die baden-württembergischen Landwirtschaftsverbände, die sich bislang vehement einer Abschaffung der Anbindehaltung verweigern, obwohl der Trend schon lange in Richtung Laufställe geht.
Die Tierschützer begrüßen zwar die Entwicklung zu solchen Bewegungsställen, in denen die Kühe nicht mehr angebunden sind, doch Stefan Hitzler sieht insbesondere bei der Tendenz zu riesigen Ställen tierschutzrelevante Probleme.

„Immer weniger Mitarbeiter sind für immer mehr Tiere verantwortlich, so ist es schwerer zu erkennen, ob es jedem Tier gut geht oder einzelne Tiere Anzeichen von Gesundheitsproblemen zeigen.“ Gleichzeitig muss die komplexe Technik überwacht werden, denn Störungen wirken sich unmittelbar auf das Tierwohl aus. In solchen Intensivanlagen wird der Betriebsablauf sehr stark automatisiert. Elektrische Schieber entsorgen den Mist, Laufbänder übernehmen das Füttern, der Melkroboter das abmelken, und auch die Futterzubereitung und das Stallklima sind computergesteuert.

Der Landestierschutzverband lehnt deshalb den bei Stockach geplanten ersten baden-württembergischen Groß-Milchviehstall mit 1000 Milchkühen und 80 Kälbern ab.
Für die Tierschützer steht das Tierwohl des einzelnen Tieres an erster Stelle. Die individuelle Betreuung ist bei der hohen Anzahl an Kühen und Gruppengrößen von 150 Tieren kaum mehr machbar. Geht man davon aus, dass jede Milchkuh pro Jahr ein Kalb zur Welt bringen muss, um Milch zu produzieren, ist schon allein die Überwachung der Geburten eine Herausforderung. Hinzu kommt, dass laut Medienberichten die Haltung von nur 80 Kälbern vor Ort eingeplant ist, die übrigen müssen über weitere Strecken abtransportiert werden, wie auch ausgemusterte Milchkühe, wenn sie ihre letzte Fahrt zum Schlachthof antreten.
„Hier wird die Tierhaltung regelrecht industrialisiert und das hat mit Tierwohl nur noch wenig zu tun.“ so das Fazit von Stefan Hitzler.


Hintergrund:
Auch der Bundesrat stellte bereits im April 2016 fest, dass die ganzjährige Anbindehaltung von Rindern kein tiergerechtes Haltungssystem im Sinne des § 2 des Tierschutzgesetzes darstellt (Drucksache 187/16).
Derzeit ist in Deutschland die Haltung von ausgewachsenen Rindern noch nicht näher geregelt. Die Nutztierhaltungsverordnung müsste hier dringend ergänzt werden, um endlich Rechtssicherheit zu schaffen und die Anbindehaltung mit einer angemessenen Übergangsfrist bundesweit zu verbieten.

Bild: Milchkühe auf der WeideWeidekühe

Wer als Verbraucher einen Beitrag zu einer tierfreundlicheren Haltung der Kühe leisten möchte, kann Milch und Milchprodukte wählen, die mit dem Label „Für mehr Tierschutz“ (https://www.tierschutzlabel.info/home/) gekennzeichnet sind. Die Kühe auf diesen Betrieben haben ein ausreichendes Platzangebot und eingestreute Liegeflächen. Sie werden nicht in der Anbindung gehalten, haben einen ganzjährigen Außenauslauf oder Zugang zur Weide. Diese verbesserten Lebensbedingungen sind für den Landwirt mit höheren Kosten verbunden, für die er einen entsprechenden Milchpreis erhält. Dumpingpreise sind kein Beitrag zu tierfreundlichen Haltungsmethoden, sondern führen dazu, dass noch mehr an den Tieren gespart wird und weitere landwirtschaftliche Betriebe schließen müssen.