Keine vorschnelle Hilfe bei jungen Wildtieren

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12.05.2016 - Scheinbar verwaiste Jungvögel und junge Säugetiere sind oft gar nicht so verlassen und hilflos wie viele denken. Vorschnelle Hilfsaktionen schaden den Jungtieren oft mehr als es ihnen nützt.
In den Tierheimen in Baden-Württemberg werden zurzeit wieder zahllose flugunfähige Jungvögel, gerettete Entenküken und andere junge Wildtierwaisen abgegeben. Doch nur verletzte, deutlich geschwächte oder von ihren Eltern unversorgte, noch nicht selbständige Jungtiere brauchen wirklich Hilfe.

Viele Jungvögel verlassen ihr Nest bereits bevor ihr Gefieder vollständig ausgebildet ist. Obwohl sie dann recht hilflos wirken, sind sie nicht so verloren und verlassen wie es den Anschein macht. Sie werden trotzdem weiterhin von den Elterntieren beobachtet, bewacht und versorgt, selbst wenn sie sich nicht allernächster Umgebung aufhalten. Auch das Fliegen will gelernt sein und gerade die ersten Flugversuche sind sehr anstrengend und gehen oft erst einmal daneben. So sind „Bruchpiloten“, die ungewollt eine Bauchlandung am Boden gemacht haben, bei ersten Flugversuchen keine Seltenheit. Deshalb müssen sich die Jungvögel zwischen den einzelnen Flugetappen auch immer wieder erst erholen und können nicht gleich wegfliegen, wenn sich Menschen nähern.

Herbert Lawo, erster Vorsitzender des Landestierschutzverbandes, rät deshalb: „Werden junge - noch nicht richtig flugfähige - Vögel außerhalb eines Nestes angetroffen, sollte zunächst geklärt werden, ob das zugehörige Nest in der näheren Umgebung zu finden ist. Der Vogel kann dann dorthin zurückgesetzt werden. Hat der Vogel bereits fast sein volles Gefieder, handelt es sich vermutlich um einen „Fluganfänger“. Am besten bringt man ihn aus der Gefahrenzone von Fahrzeugen, Katzen und Fußgängern z.B. in ein nahe gelegenes Gebüsch in Sicherheit und lässt ihn dort in Ruhe. Im Gegensatz zu Säugern stören sich Vogeleltern nicht am menschlichen Geruch, der beim Anfassen der jungen Vögel hinterlassen wird. Der Kleine wird seine Vogeleltern ziemlich schnell lautstark auf sich aufmerksam machen und von ihnen dort dann weiter versorgt.“
Auch bei Entenküken sollte unbedingt erst die Umgebung nach der Entenmutter abgesucht werden, sie wird sich i. d. R. auch um ihre Kinder kümmern. Ein Einfangen ist dann am ehesten erforderlich, wenn sich eine Entenfamilie weit weg von Gewässern in bebaute Gegenden verirrt hat bzw. wenn sie sich in verkehrsreicher Umgebung befindet. Im Fall einer solchen Familienumsiedlung muss stets dafür gesorgt werden, dass auch die Entenmutter mit eingefangen wird.
jng feldhaseScheinbar hilflose Jungtiere sollten – sofern sie nicht offensichtlich verletzt sind – in jedem Fall zunächst einige Zeit beobachtet werden und zwar so, dass sich die Tiere nicht gestört fühlen. Manchmal werden Jungtiere von ihren Eltern über viele Stunden alleine gelassen. Gerade Rehe und Feldhasen lassen ihre Jungen in Wiesen oder Feldern gut getarnt zurück und suchen sie nur zum Säugen kurz auf. Zufällig entdeckte kleine Feldhasen oder Rehkitze sind also noch lange keine Waisenkinder. Hat man sie trotzdem angefasst und sie riechen nach Mensch, werden sie vom Muttertier oft nicht mehr angenommen.

„Nur bei offensichtlich geschwächten, kranken, ausgehungerten, unterkühlten oder völlig durchnässten Jungtieren bzw. wenn sich tatsächlich kein Elterntier um die Kleinen kümmert, ist es angebracht, die Tiere in menschliche Obhut zu nehmen,“ stellt Lawo noch einmal klar. „Wer sich unsicher ist, kann auch gerne vorab im Tierheim anrufen und dort Rat einholen. Erkennbar verletzte Tiere müssen allerdings schnellstmöglich versorgt werden und sollten deshalb ohne Umweg zum nächsten Tierarzt gebracht werden.“
Um alle Wildtierarten möglichst wenig bei der Jungenaufzucht zu stören, ist es gerade jetzt im Frühjahr wichtig, in der Nähe von Brutgebieten die Wald- und Wiesenwege nicht zu verlassen und Hunde zur Sicherheit an die Leine zu nehmen.