St. Martin, die Martinsgans und wieso man auf den Gänsebraten besser verzichten sollte

05.11.2015 - Rund 80 % der Tiefkühlgänse stammen aus Osteuropa - die dortigen Haltungsbedingungen der Tiere sind vielfach tierquälerisch und grausam.
Wenn schon Gänsebraten, dann bitte nur von Tieren aus zertifizierter Bio-Tierhaltung.
Irreführende Kennzeichnungen und Bezeichnungen müssen endlich verboten werden.

Der St. Martinstag (11. 11.) wird traditionsgemäß an allen Kindergärten, Vor- und Grundschulen gefeiert. „Neben dem Liedersingen und Laternenbasteln könnte man dieses Datum doch auch dazu nutzen, die Kinder mit einer faszinierenden und besonders liebenswerten Tierart vertraut zu machen: den Gänsen“, schlägt der Vorsitzende des Landestierschutzverbandes, Herbert Lawo, den ErzieherInnen und LehrerInnen im Land vor. „In der Martinslegende, die den Kindern erzählt wird, treten die Gänse ja auch als lebende Geschöpfe auf und nicht als Braten“, so Lawo weiter.

GaenseGänse sind hoch soziale, sehr kommunikative und wehrhafte Wasservögel. Durch ihr lautes Geschnatter haben sie nicht nur angeblich das Versteck des Heiligen Martin verraten, sondern schon früher als „lebende Alarmanlage“ so manchen in die Flucht geschlagen. Sie sind gesellig, besonders lernfähig und neugierig und schließen monogame, lebenslange Partnerschaften. Eine gänsegerechte Gruppenhaltung setzt Zugang zu einem Gewässer, indem sie schwimmen und ihr Gefieder pflegen können, ausreichenden Auslauf auf einer Wiese und einen großen Stall mit Stroheinstreu voraus.

Dem historischen Martin hätte es wohl eine Gänsehaut über den Rücken gejagt, hätte er gewusst, was Gänse heutzutage - rund 1600 Jahre nach seinem Tod - alles durchleiden müssen. Nach Deutschland werden jährlich ca. 25.000 Tonnen Gänsefleisch aus dem Ausland eingeführt, d. h. rund 80 % der in Deutschland jährlich verzehrten Gänse sind Importware. Diese Tiefkühlgänse stammen meist aus grausamer Intensivmast - vor allem aus Polen und Ungarn - und werden bei uns unter irreführenden Bezeichnungen angeboten, die idyllisches bäuerliches Landleben suggerieren.

Dabei vegetieren dort speziell gezüchtete „Hybridmastgänse“, die durch Verabreichung von konzentriertem und nicht selten auch mit Medikamenten versetztem Mastfutter bereits binnen 8 bis 10 Wochen „Schlachtreife“ erreichen, in riesigen Ställen aneinandergedrängt, ohne Auslauf und ohne Einstreu vor sich hin. Auf arttypisches Schwimmen und Gründeln, Baden und Gefiederpflege im Wasser müssen die hochintelligenten Wasservögel ihr Leben lang verzichten. Stattdessen simulieren künstliche Lichtquellen längere Tageszeiten damit die Tiere noch mehr fressen. Die Folgen: Stress, Federpicken, Kannibalismus und Knochenbrüche wegen der viel zu schnellen Gewichtszunahme. Viele leiden außerdem unter Gelenkentzündungen und Atemnot.

Nur aufgrund dieser industriellen Massentierhaltung sind die Dumping-Preise für Import-Gänse zu halten. Sie liegen bei weniger als einem Drittel des Preises, der für eine deutsche Bio- oder Freilandgans zu zahlen ist. In Deutschland werden Gänse meist vergleichsweise tiergerecht in Auslaufhaltung mit Zugang ins Freie gehalten. Außerdem ist bei uns das Zwangsstopfen von Gänsen zur Produktion von Stopfleber gesetzlich verboten.

„Der Landestierschutzverband fordert deshalb schon lange EU-einheitliche, verbindliche Gesetze für die Zucht und Haltung von Gänsen sowie ein Verbot der irreführenden Bezeichnungen“, so Lawo.

Strikt abzulehnen ist Gänsefleisch aus der Stopfleberproduktion. Der zwingend vorgeschriebene Zusatz „aus Fettleberproduktion“ ist oft so klein aufgedruckt, dass man ihn schnell übersieht. Das Stopfen von Gänsen ist eine der grausamsten Tierquälereien in der „Nutztierhaltung“ überhaupt und in Deutschland, der Schweiz und Österreich strikt verboten.

Nicht verboten ist allerdings der Verkauf von Produkten aus dieser Stopfmast, wie sie in Frankreich oder Ungarn noch weit verbreitet ist. Das Fleisch der Stopfgänse ist im Grunde genommen ein Abfallprodukt und kann von der deutschen Lebensmittelindustrie zu Niedrigstpreisen importiert werden, da das eigentliche Geschäft mit den Fettlebern gemacht wird (Gänseleberproduktion).

 

Fazit:

„Wenn es denn schon der Gänsebraten an St. Martin sein muss, dann bitte aus möglichst tiergerechter Haltung – diese Produkte sind eindeutig als solche ausgewiesen und tragen mindestens das Bio-Siegel mit der Aufschrift nach EU-Öko-Verordnung. Die Bezeichnungen „Freilandhaltung", "bäuerliche Freilandhaltung" „bäuerliche Freilandhaltung- unbegrenzter Auslauf" oder „Bio“ kennzeichnen Tiere, die zumindest mehr Platz im Stall hatten und Auslauf ins Freie.

Noch besser ist es natürlich, man kann sich - vielleicht bei einem Familienausflug - selbst mit eigenen Augen davon überzeugen, dass die Gänse es einmal gut hatten. Diese Gewissheit sollte jedem auch ein paar Euro mehr wert sein.