Achtung: Der erste Wildtiernachwuchs ist schon unterwegs

16.04.2015 - Scheinbar verwaiste Jungvögel und junge Säugetiere sind oft gar nicht so verlassen und hilflos wie viele denken. Vorschnelle Hilfsaktionen schaden den Jungtieren oft mehr als es ihnen nützt.
In den Tierheimen in Baden-Württemberg werden zurzeit wieder zahllose flugunfähige Jungvögel, gerettete Entenküken und andere junge – oft vermeintliche - Wildtierwaisen abgegeben. Doch nur verletzte, deutlich geschwächte oder von ihren Eltern unversorgte, noch nicht selbständige Jungtiere brauchen wirklich Hilfe.

Viele Jungvögel verlassen demnächst das Nest und starten ihre ersten Flugversuche bereits bevor ihr Gefieder vollständig ausgebildet ist. Bruchlandungen sind zunächst an der Tagesordnung, denn auch Fliegen will gelernt sein. Obwohl die Kleinen dann oft recht hilflos wirken, sind sie nicht so verloren und verlassen wie es den Anschein macht. Sie werden weiterhin von den Elterntieren beobachtet, bewacht und versorgt, auch wenn das so nicht gleich erkennbar ist. Die ersten Flugversuche sind zudem sehr anstrengend, weswegen sich die Jungvögel zwischen den einzelnen Flugetappen immer wieder erholen müssen und nicht gleich wegfliegen, wenn sich Menschen nähern.
"Werden also anscheinend hilflose Jungvögel außerhalb eines Nestes angetroffen, sollte zunächst geklärt werden, ob das zugehörige Nest in der näheren Umgebung zu finden ist. Der Vogel kann dann dorthin zurückgesetzt werden; andernfalls bringt man ihn aus der Gefahrenzone von Fahrzeugen, Katzen und Fußgängern z.B. in ein nahe gelegenes Gebüsch in Sicherheit und lässt ihn dort in Ruhe," rät Herbert Lawo, Vorsitzender des Landestierschutzverbandes und fügt ergänzend hinzu: „Im Gegensatz zu manchen Säugetieren stören sich Vogeleltern nicht am menschlichen Geruch, der beim Anfassen der jungen Vögel hinterlassen wird."
Auch bei Entenküken sollte zunächst die Umgebung nach der Entenmutter abgesucht werden, sie wird sich i. d. R. auch um ihre Kinder kümmern. Ein Einfangen ist dann erforderlich, wenn sich eine Entenfamilie weit weg von Futterquellen und Wasser oder an viel befahrenen Straßen aufhält. Da die frisch geschlüpften Entenküken nicht - wie ihre Mutter - wegfliegen können, würden sie ansonsten verhungern oder überfahren werden. Im Fall einer solchen Familienumsiedlung muss allerdings stets dafür gesorgt werden, dass auch die Entenmutter mit eingefangen wird.

Oftjng feldhase schaden wohlmeinende Helfer durch spontane Rettungsaktionen mehr als dass sie helfen, denn in vielen Fällen werden Jungtiere von ihren Müttern viele Stunden alleine gelassen. Rehe und Feldhasen beispielsweise lassen ihre Jungen, wenn sie noch klein sind, in Wiesen oder Feldern gut getarnt zurück und suchen sie nur zum Säugen auf. Zufällig entdeckte kleine Feldhasen oder Rehkitze sind also nicht zwangsläufig Waisenkinder. Hat man sie trotzdem angefasst und sie tragen menschlichen Geruch, werden sie vom Muttertier oft nicht mehr angenommen. Scheinbar hilflose Jungtiere sollten also – sofern sie nicht offensichtlich verletzt sind – in jedem Fall für einige Zeit beobachtet werden und zwar so, dass sich zurückkommende Muttertiere nicht gestört oder beunruhigt fühlen. „Nur bei offensichtlich geschwächten, kranken, ausgehungerten, unterkühlten oder völlig durchnässten Jungtieren bzw. wenn sich tatsächlich kein Elterntier um die Kleinen kümmert, ist es angebracht, die Tiere in menschliche Obhut zu nehmen,“ stellt Lawo noch einmal klar. „Wer sich unsicher ist, kann auch gerne vorab im Tierheim anrufen und dort Rat einholen. Erkennbar verletzte Tiere müssen allerdings schnellstmöglich fachkundig versorgt werden und sollten deshalb ohne Umweg zum nächsten Tierarzt gebracht werden.“
Um alle Wildtierarten möglichst wenig bei der Jungenaufzucht zu stören, ist es gerade jetzt wichtig, in der Nähe von Brutgebieten die Wald- und Wiesenwege nicht zu verlassen und Hunde zur Sicherheit an die Leine zu nehmen.